Interview mit Gita Kumal und Detlev Günz (Stand Sommer 2018)

Unser Vereinsmitglied Detlev Günz engagiert sich seit 2014 in Nepal allgemein und auch für unseren Verein. Über die Nepal Kinderhilfe e.V. hat er selber drei eigene Patenkinder und über 20 DetlevSchulpatenschaften an Freunde und Bekannte vermittelt, um die er sich auch persönlich kümmert. Kurz nach dem Erdbeben im Jahr 2015 war er mit einer eigenen Hilfsaktion vor Ort und hat dabei seine Frau Gita Kumal kennengelernt. Seit August 2018 ist Detlev Günz Teil des Vorstands der Nepal Kinderhilfe e.V. und kümmert sich vorrangig um die Entwicklung unseres Mandala Kinderhauses mit ca. 20 Kindern.
Mit beiden haben wir einmal gesprochen, um ein wenig mehr über die nepalesische Kultur zu erfahren und auch einige Fragen zu beantworten, die uns von Paten gestellt wurden.

NKH: Herr Günz, Sie engagieren sich seit vielen Jahren in Nepal und seit einigen Jahren für unseren Verein. Was hat Sie damals bewogen nach Nepal zu gehen und sich dort sozial zu engagieren?

Günz: Ich habe das Land über eine Indien/Nepal Rundreise 2013 kennengelernt. Bei einer zweiten individuellen Reise im Folgejahr hatte ich das Glück das Kinderheim „Happy BottleHouses“ besuchen zu dürfen. Das hat einen so nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen, so dass ich mich seitdem für arme Kinder in Nepal engagiere.

NKH: Frau Kumal, Sie wohnen nun seit 2016 in Deutschland. Sie selber sind Nepalesin. Was ist der größte Unterschied zwischen der deutschen und der nepalesischen Mentalität.

Kumal: Die Deutschen sind insgesamt höflicher als Nepalesen und das Leben hier ist viel freier. In Nepal muss man viele Regeln beachten, damit nicht schlecht über Denjenigen gesprochen wird. Das gilt insbesondere auch für Frauen.

NKH: Wir haben vor kurzem unseren Paten die aktuellen Zeugnisse und Fotos zugeschickt. Wir und einige Paten haben festgestellt, dass sich der Familienname einiger Kinder geändert hat, zum Beispiel von Tamang in Lama oder umgekehrt. Wie ist das zu erklären?

Günz: Das ist aus deutscher Sicht natürlich unvorstellbar, der Name bleibt gleich außer ich heirate oder es gibt gravierende Gründe, dass ich nicht mehr so heißen möchte.

20181121_170859Kumal: Namen sind in Nepal nicht so wichtig und zum Beispiel sind Tamang und Lama synonyme Familienamen. Ich kann ernsthaft an der einen Stelle sagen ich heiße Tamang und in der Schule werde ich als Lama angemeldet.

NKH: Und daraus entstehen keine Probleme in Nepal?

Kumal: Eigentlich nein. Nehmen wir ein Beispiel. Eine Familie, die in einem Dorf wohnt, heißt Jirel, wie alle anderen in dem Dorf auch. Wenn die Familie in ein 5 km entferntes Dorf zieht und dort alle Sunnwar heißen, ändern sie auch ihren Namen. Zwar nicht ihren Ausweis, aber überall geben sie den anderen Namen an, auch in der Schule für die Kinder. Das machen sie, um so zu der anderen Dorfgemeinschaft zu gehören.

Günz: Eigentlich werden Namen gar nicht verwendet. Als Tourist wird man vielleicht im Hotel mit seinem Namen angesprochen, aber im normalen Leben in Nepal bin ich entweder Bhena (Schwager), Thulo Baba (wie ein Vater), Pushai (Onkel), Jwai (Schwiegersohn), Schadu dai (Mann von großer Schwester), aber für niemand Detlev Günz.

NKH: Gibt es noch andere so gravierende Unterschiede zu der deutschen Lebensweise?

Günz: Besonders auffällig ist, dass Geburtstage unwichtig sind und auch nicht gefeiert werden.

Kumal: Für unsere Kultur sind die Feiertage (Dashin, Tihar, Holi, Teej) die wichtigsten Ereignisse, die als Familienfeste gefeiert werden. Geburtstag feiern nur wenige Leute und nicht so sehr wie in Deutschland.

20181121_170850Günz: Lange Zeit gab es in Nepal keine Geburtsurkunden und zwischen Geburt zu Hause und nachträglicher Ausstellung der Urkunde können schon ein paar Tage oder Wochen liegen. Das haben wir selbst erlebt und für deutsche Beamte ist das natürlich „unbelievable“.

NKH: Einige Schulpaten wundern sich, dass ein paar Kinder schon über 18 Jahre alt sind und trotzdem noch 1-2 Jahre zur Schule gehen müssen. Wie erklärt sich das?

Günz: Für uns in Deutschland ist klar, Einschulung erfolgt mit wenigen Ausnahmen im Alter von 6 oder 7 Jahren. So einen einheitlichen Termin gibt es in Nepal nicht und auch keine Schulpflicht.

Kumal: Es gibt Kinder, die mit 4 Jahren in die Vorschule gehen, aber auch Kinder, die erst mit 9 Jahren eingeschult werden. Wenn kein Schulgeld bezahlt werden kann, müssen Kinder auch mal ein Jahr aussetzen. Ich habe 10+2 Klassen [Anmerkung NKH: vergleichbar mit unserem Abitur] auch erst mit 25 Jahren abgeschlossen und musste vorher arbeiten, um das Schulgeld bezahlen zu können.

Günz: Wir müssen den Schulpaten also neben der Klassenstufe auch das Alter mitteilen. Ich habe gerade ein Mädchen neu vermittelt, das geht in die 6. Klasse und ist 13 Jahre alt. Danach kann ich abschätzen, wann sie fertig wird.

NKH: In Nepal gibt es ja eine andere Zeitrechnung. Während sie das Jahr 2018 schreiben, hat dort das Jahr 2075 begonnen. Welche Rolle spielt dieser andere Kalender?

Günz: Das ist gar nicht so einfach, zumal auch der neue Monat in Nepal am 15. nach unserem Kalender beginnt. Unsere Hochzeitsfeier in Nepal war am 2073-05-29 (Schreibweise auch anders) und es war der 14.09.2016. Das ist eine Fehlerquelle in der Umrechnung der Geburtsdaten unserer Patenkinder und wird jetzt auch noch einmal für alle Kinder überprüft.

NKH: Frau Kumal, was vermissen Sie am meisten aus Ihrer Heimat?

Kumal: Ich erinnere mich gern an meine Kindheit in Gologath (Chitwan). Das ist ein Dorf an der Grenze zum Nationalpark. Ich vermisse natürlich auch meine Familie, aber meine Schwester hat mich schon hier besuchen dürfen und wir sind ja auch oft in Nepal.

NKH: Wann werden Sie das nächste Mal nach Nepal reisen und werden Sie dann auch unser Mandala Kinderhaus besuchen?

Günz: Das nächste Mal sind wir im November zum Tihar Festival in Nepal und der erste Weg führt immer ins Kinderhaus. Oft treffe ich dann auch die Kinder von den Sponsoren, die ich vermittelt habe und informiere mich über ihre Entwicklung. Das sind immer sehr schöne Momente.

NKH: Vielen Dank für das Interview und besonderen Dank an Sie beide, dass Sie unseren Verein aktiv aus Deutschland, aber auch vor Ort unterstützen.

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