Interview mit Philipp von Gossler-Kubitz
– Vorsitzender der Nepal Kinderhilfe e.V. – (Stand Juni 2019)

Philipp3Philipp von Gossler-Kubitz ist Vorsitzender der Nepal Kinderhilfe e.V. Er hat das Amt zunächst kommissarisch von Jürgen Richterich übernommen und wurde im August 2018 als Vorsitzender der Nepal Kinderhilfe e.V. bestätigt. Er ist 39 Jahre alt, arbeitet und lebt im Raum Frankfurt am Main. Im Jahr 2013 war er als Volontär in unserem Mandala Kinderhaus tätig. Seit 2014 und vor seiner Tätigkeit als Vorsitzender war er als Schatzmeister tätig. Philipp von Gossler-Kubitz ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder.

Nepal Kinderhilfe: Herr von Gossler-Kubitz, auch wenn Sie schon seit August 2018 Vorsitzender der Nepal Kinderhilfe sind: noch einmal „herzlichen Glückwunsch“ zu dem Amt! Beschreiben Sie doch einmal, wie es Ihnen seitdem ergangen ist und wie Sie eigentlich zur Nepal Kinderhilfe gekommen sind.

Von Gossler-Kubitz: Vielen Dank! Es fühlt sich in der Tat schon wie eine Ewigkeit an. Ich habe den Vorstand der Nepal Kinderhilfe im Jahr 2014 verstärkt. 2013 war ich während einer beruflichen Auszeit als Volontär im Mandala Kinderhaus. Ich hatte damals bewusst ein Projekt gesucht, bei dem ich als kaufmännisch orientierter Mensch sowohl meine Fähigkeiten sinnvoll einsetzen als auch ein ganz fremdes Land bereisen konnte. Bisher waren die meisten Volontäre in unserem Kinderheim Lehrer, Erzieher oder ähnliches. Jürgen Richterich gab mir damals die Chance, das Kinderhaus kennenzulernen und seitdem hat mich die Nepal-Leidenschaft gepackt.

NKH: Wie waren denn nun die ersten Monate für Sie als Vorsitzender?

VGK: Ach ja. Ich schulde Ihnen noch eine Antwort auf Ihre Frage (lacht). Den kommissarischen Vorsitz und später den offiziellen Vorsitz habe ich etwas unerwartet bekommen. Nach dem zu diesem Zeitpunkt überraschenden Rücktritt des langjährigen Vorsitzenden Jürgen Richterich war dieses Amt vakant. In den Monaten nach seinem Rücktritt hat sich glücklicherweise ein starkes Team gebildet. Dieses Team bildet nun im Wesentlich den Vorstand und den Beirat – unterstützt durch ein paar weitere Leute. Diese Gruppe von Leuten war der Grund, weshalb ich mir zugetraut habe, den Vorsitz zu übernehmen. Unser Verein mag im Vergleich zu den großen Organisationen sehr klein sein. Man sollte aber nicht die administrative Arbeit unterschätzen. Und das ist eine ganze Menge mehr als ich bzw. wir es uns vorher vorgestellt hatten. Seit August letzten Jahres haben wir viel im Vorstand und im Beirat gearbeitet und unsere Neuerungen an die Mitglieder und Paten kommuniziert. Während der Fokus unserer Arbeit im vergangen Jahr auf unserer deutschen Organisation lag, liegt der Fokus in diesem Jahr mehr auf unseren Aktivitäten in Nepal.

NKH: Wie muss man sich denn die Zusammenarbeit im Vorstand und im Beirat vorstellen?

VGK: Och, das ist eigentlich nicht kompliziert. Die Mitglieder des Vorstands und des Beirats sind über das gesamte Bundesgebiet verstreut. Gemäß unserer Satzung haben wir für gewisse Themen Erstansprechpartner definiert, die sich um ein Thema vorranging kümmern. Das klappt auch recht gut. Es gibt freie Zeiteinteilung (lacht). Das heißt, wer auch immer Zeit hat, erledigt die Arbeit. Das kann tags oder nachts sein – im Büro, zuhause, im Zug oder von unterwegs. Vorstands- und Beiratssitzungen finden ausschließlich per Telefonkonferenz und Webex statt. Die Kommunikation erfolgt im Wesentlichen per Messenger, Email, Telefon und ganz selten auch einmal persönlich.

NKH: Das hört sich alles zu einfach an…

VGK: Das stimmt. Ist es aber nicht immer. Der Vorstand und der Beirat investieren immens viel Zeit – jeder natürlich unterschiedlich –, um die Aufgaben zu erledigen. Auch wenn wir natürlich nach außen so professionell wie möglich erscheinen wollen, ist es manchmal ein ziemlicher Spagat zwischen Beruf, Familie und Hobby. Aber uns allen in Vorstand und Beirat ist unsere Arbeit in und für Nepal eine echte Herzensangelegenheit. Letztendlich ist es uns wichtig, dass ein Mitglied oder ein Pate weiß, dass er einen kleinen Verein unterstützt und nicht immer den gleichen Service erwarten kann wie bei einer großen Organisation, die dutzende Mitarbeiter für Mitgliederservice etc. hat. Wir wollen nicht mit einer großen, internationalen Organisation verglichen werden. Und das versuchen wir auch unseren Mitgliedern und Paten zu verdeutlichen.

Philipp4NKH: Das ist ein gutes Thema. Welche Existenzberechtigung haben aus Ihrer Sicht kleinere Vereine wie der unsere neben den großen, internationalen Organisationen?

VGK: Zuerst einmal ist es – das glaube ich ganz fest – Geschmackssache, ob ein Spender eine große oder eine kleine Organisation unterstützen will. Wenn jemand eine große Organisation unterstützen möchte, findet er die einschlägigen Webseiten bei Google in den ersten Treffern. Nein, ich bin mir sicher, dass Mitglieder und Paten, die die Nepal Kinderhilfe unterstützen, sich ganz bewusst für unseren Verein entschieden haben, nämlich aus den zuvor genannten Gründen: Unser Verein wird sehr persönlich geführt, mit viel persönlichem Einsatz und Engagement. Genau deshalb unterstützen uns unsere Mitglieder und Paten. Dass dabei nicht immer alles reibungslos klappen kann, nehmen sie bewusst in Kauf. Bezieht man Ihre Frage einmal auf Nepal, so könnte man sich natürlich fragen, wieso es große und kleine Organisationen braucht… Neben der Tatsache, dass unsere Kostenquote viel, viel geringer ist – d.h. von einem gespendeten Euro landet ein deutlich größerer Anteil auch wirklich in Nepal, als es bei den großen Organisationen der Fall ist – ist die Art der Hilfe unterschiedlich. Große internationale Organisationen können und müssen auf Grund ihrer Größe in großen Projekten helfen. Wir als kleinere Organisation können hier flexibler und individueller helfen. Wir leisten dort Hilfe, wo Hilfe benötigt, jedoch von den großen Organisationen selten oder nicht geleistet wird. Insofern sehe ich hier limitierte Überschneidungen und denke, dass beide Organisationsformen ihre Existenzberechtigung haben und in einer gesunden Koexistenz ein großes Einsatzgebiet abdecken. Deshalb ist es auch wichtig, dass beide Organisationsformen Spender finden. Wir merken das auch: Größere Projekte lassen sich nur mit mehr Administration umsetzen. Und das geht dann manchmal zu Lasten unserer Flexibilität und verursacht höhere Kosten. Als ein Zeichen, dass wir versuchen, von den größeren Organisationen zu lernen, haben wir in diesem Jahr erstmals in der Geschichte der Nepal Kinderhilfe einen externen Wirtschaftsprüfer gebeten, unsere Buchhaltung zu prüfen. Wir sind sehr stolz, dass diese Prüfung ohne Beanstandungen abgeschlossen wurde. Sie sehen: es gibt weder gut noch schlecht. Es sind schlicht zwei Paar unterschiedliche Schuhe.

NKH: Wer sind die Unterstützer des Vereins?

VGK: Die meisten Mitglieder und Paten unterstützen uns . In der Regel kommen diese aus Deutschland, aber auch aus den benachbarten europäischen Ländern. So haben wir zum Beispiel in Luxemburg eine ganz tolle Unterstützerbasis – um nur eine Gruppe zu nennen. Persönlich kennen wir natürlich nicht alle Mitglieder und Paten. Einige lernt man über die Jahre bei Veranstaltungen kennen, zu vielen bildet sich aber auch über Emails ein geradezu persönlicher Kontakt – ohne dass man sich jemals getroffen hat. Unser Durchschnittsunterstützer ist in der Regel schon etwas erfahrener – um ein anderes Wort für „älter“ zu nutzen. Wir freuen uns aber auch, zunehmend junge Unterstützer zu haben. Mit Unterstützung ist auch nicht immer nur „finanziell“ gemeint. Natürlich geht ohne die finanzielle Unterstützung vieler, vieler Menschen gar nichts. Aber es braucht immer die richtige Mischung: diejenigen, die sich in Deutschland und Nepal engagieren und diejenigen, die dieses Engagement durch Spenden möglich machen. Grundsätzlich sind wir sehr stolz auf unsere Unterstützer, welche die Basis unseres Schaffens bilden.

NKH: Wie beurteilen Sie Nepal als Land?

VGK: Hm. Das ist eine sehr komplexe Frage: Entwicklungsland, Reiseland, Himalaya-Lage. Da fällt mir viel zum Reden ein. Die meisten unserer Unterstützer sind sicherlich Nepal-Reisende. Das Land reizt dazu auf jeden Fall durch seine besondere Lage. Hier findet man die höchsten Berge der Welt, gleichermaßen aber die flache Terai-Ebene, die teilweise nur 60 m hoch liegt. Entsprechend unterschiedlich sind die Temperaturen, die Artenvielfalt und die Nutzung des Landes. Apropos Vielfalt: Nepalesisch ist zwar die offizielle Nationalsprache, daneben gibt es aber rund 50 Minderheitensprachen oder Dialekte. Außerdem gibt es dort zahlreiche Feiertage, die gleichermaßen gerne von den dort lebenden Hindus, Buddhisten, Muslimen und Christen gefeiert werden. Das Land entwickelt sich gerade auch mächtig – sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Seit dem Ende des Bürgerkriegs 2006 durchläuft Nepal einen grundlegenden politischen Wandlungsprozess. Eingeklemmt zwischen China und Indien versucht Nepal bei seinen Nachbarn abzugucken. So werden aktuell überall Handelswege zu Straßen umgebaut sowie Wasserkraftwerke, Funk- und Stromtrassen errichtet. In vielerlei Hinsicht ist Nepal noch ein Entwicklungsland und gerade für so ein kleines Land in der Welt, ist Bildung, d.h. Schulbildung besonders wichtig. Und genau hier setzt unser Verein an. Wir versuchen durch Schulpatenschaften im Kleinen das Land zu unterstützen. Denn eine solide Schulbildung ist der Grundstein für ein jedes Leben des Einzelnen und damit auch für die Zukunft eines gesamten Landes

Philipp1bNKH: Was planen Sie in Zukunft für die Nepal Kinderhilfe?

VGK: Unser Verein besteht aus drei Säulen:
1) Schulpatenschaften
2) unser Kinderhaus sowie
3) selbstständige Projekte.
In den letzten Sitzungen haben Vorstand und Beirat viel über die Zukunft der Nepal Kinderhilfe gesprochen und dabei auch Erfahrungen aus der Vergangenheit beleuchtet. Entschieden werden muss auch über die Zukunft unseres Kinderhauses. Die Patenschaften werden wir beibehalten, hier aber neue Kriterien und Standards definieren. Hierüber werden wir der Mitgliederversammlung berichten. Den Bereich „Projekte“ würden wir gerne ausbauen, indem wir selber gezielt einzelne Projekte unterstützen oder ggf. anderen Organisationen helfen, in Nepal zu arbeiten und unser Netzwerk zur Verfügung stellen. So haben wir vor kurzem einer großen deutschen Stiftung geholfen, ein Waisenhaus für Kinder von nepalesischen Gefangenen zu unterstützen. Ich finde es spannend, diese Entwicklungen mitzugestalten.

NKH: Nun die letzte Frage: Der gesamte Vorstand ist bis 2021 gewählt. Ist schon absehbar, ob Sie sich dann noch einmal zur Wahl stellen?

VGK: (lacht) Es ist in der Tat noch viel zu früh, diese Frage zu beantworten. Im Moment gibt es, obwohl wir schon einiges geschafft haben, so viel zu tun, dass wir an das Jahr 2021 noch nicht zu denken brauchen. Ein Hauptziel unserer Arbeit ist aber, die Nepal Kinderhilfe personell – in Deutschland und auch in Nepal – breiter aufzustellen, sodass die Organisation unabhängiger von dem Einzelnen wird. In der Industrie ist dieses Nachfolgeproblem besonders bei familiengeführten Unternehmen bekannt, aber es besteht natürlich auch in kleineren gemeinnützigen Organisationen. Die Führung des Vereins muss so aufgestellt sein, dass der „Organismus“ das Ausscheiden einzelner Personen verkraftet. In Deutschland sind wir hier einen entscheidenden Schritt weiter gekommen, aber noch nicht am Ziel. Insofern können sich interessierte Helfer gerne bei uns melden! In Nepal haben wir hier noch ein gutes Stück Arbeit vor uns.

NKH: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg für Ihre Arbeit.

Print Friendly, PDF & Email