Interview mit Jürgen Richterich
– unser erster Pate und Vereinsgründer – (Stand April 2019)

Mit diesem Interview wollen wir den Gründer der Nepal Kinderhilfe e.V. und langjährigen Vereinsvorsitzenden Jürgen Richterich vorstellen. Gemeinsam mit seiner Frau Andrea hat er die erste Patenschaft für ein kleines Mädchen aus den Bergen namens Dawa übernommen.

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NKH: Jürgen, du bist der Gründer unseres Vereins. Wie bist du damals auf die Idee gekommen?

JÜRGEN RICHTERICH: Im Oktober 2004 haben wir, meine Frau Andrea mit unseren Söhnen Martin und Simon und ich, erneut eine Trekking-Tour in das Gebiet Helambu und Langtang unternommen. Am letzten Tag unserer Tour, im Ort Syabru Besi, sprach mich ein junger Mann an und erzählte mir von seinem Heimatdorf, oben in den Bergen des Langtang gelegen. Jürgen4Er erzählte mir von einer Hilfsorganisation, die in diesem Ort tätig sein sollte, jedoch würden die Spendengelder in die Taschen der nepalesischen Organisatoren wandern, die sich in Kathmandu lieber ein schönes Leben machen als den Menschen im Dorf zu helfen. Es hätte mich nicht so berührt, wenn es sich nicht um eine deutsche Organisation gehandelt hätte, in der meine Frau und ich schon mehrere Jahre lang Mitglied gewesen sind. Lange Zeit habe ich mich am Nachmittag mit dem jungen Mann unterhalten und mir wurde klar, dass ich nicht länger Mitglied dieses Vereins sein wollte, der seine Spender in Deutschland hinters Licht geführt hatte. 
Auf dem Heimflug habe ich mir Bleistift und Papier genommen und meine Ideen zur Gründung einer eigenen Hilfsorganisation skizziert. Im Januar 2005 war es dann so weit, die Gründungsversammlung der späteren Nepal Kinderhilfe e.V. wurde einberufen.

NKH: Du warst jahrelang Vorsitzender unseres Vereins. Für deine viele Arbeit und Mühe wollen wir dir an dieser Stelle einen großen Dank aussprechen. Kanntest du dich denn schon vorher mit Vereinsarbeit aus? Hat dir die Vereinsarbeit immer Freude bereitet oder hast du dich auch ab und zu gefragt, wie du auf die verrückte Idee gekommen bist, einfach einen Patenverein zu gründen?

Jürgen3JÜRGEN RICHTERICH: Mit Vereinsarbeit kannte ich mich bis dato nicht aus. Aus meinem beruflichen Umfeld war ich es jedoch gewohnt, immer neue Herausforderungen anzunehmen, neue Wege zu gehen und mir Unbekanntes zu erarbeiten. Wenn man sich etwas ernsthaft vornimmt, dann kann man es auch schaffen, so meine Devise. 
Die Vereinsarbeit hat mir immer große Freude bereitet. Wenn wir gesehen haben, wie aus diesem Engagement eine großartige Hilfe für die Kinder in Nepal entstanden ist, wenn man miterlebt hat, wie sich vormals hoffnungslose Situationen für Kinder langsam in eine Perspektive für das künftige Leben gewandelt hat, dann war dies der größte Lohn, den man für seinen Einsatz erhalten konnte. 
Natürlich haben meine Frau und ich uns oftmals gefragt, warum wir diesen Schritt gegangen sind, der unser Leben doch so lange Zeit bestimmt hat. An dieser Stelle möchte ich mich auch nochmals bei Andrea bedanken, die meine damalige Entscheidung immer mitgetragen hat und mir den Rücken in vielen Dingen freigehalten hat, die Arbeit überhaupt leisten zu können. Unzählige Stunden haben wir für den Verein geopfert – die Bilder und die positive Entwicklung der glücklichen Kinder hat uns dies jedoch gerne vergessen lassen.

NKH: Wie oft warst du insgesamt in Nepal? Wurde dann die Trekking-Tour immer mit Vereinsarbeit verbunden?Jürgen2

JÜRGEN RICHTERICH: Wir haben bislang sieben Reisen nach Nepal unternommen. Nach der Gründung des Vereins waren es immer längere Aufenthalte, in denen wir die Vereinsarbeit vor Ort und das Trekking verbunden haben.

NKH: Hast du auf der besagten Trekkingtour 2004/5 direkt Kinder kennengelernt, die später zu den ersten Patenkindern wurden? Hast du zunächst bei Freunden und Verwandten Paten geworben?

JÜRGEN RICHTERICH: Auf dieser Tour haben wir die Menschen nur so weit kennengelernt, wie man als „normaler“ Trekker mit den Einheimischen in Kontakt kommt. Es war uns zum Zeitpunkt der Tour ja noch nicht klar, was daraus einmal werden würde. Wie das wahrscheinlich immer bei einer Vereinsgründung so ist, fängt man im engsten Freundes- und Bekanntenkreis an, Werbung für die Idee zu machen, um die ersten Mitstreiter zu gewinnen. Das war auch bei der Nepal Kinderhilfe e.V. nicht anders.

Dawa3NKH: Wie hast du/habt ihr Dawa – unser Patenkind Nr. 1 kennengelernt? Hast du sie beim Wandern getroffen oder ist sie dir/euch vermittelt worden? Mittlerweile haben wir ca. 150 Kinder, die von unserem Verein betreut werden. Mit wie viel Patenkindern hat der Verein eigentlich angefangen?

JÜRGEN RICHTERICH: Dawa haben wir während der Tour eigentlich nicht kennengelernt. In Langtang habe ich fotografiert und dabei ein Mädchen, welches mit zerschlissener Kleidung und kaputten Schuhen auf einem Tisch saß, aufgenommen. Mehr Kontakt entstand damals nicht. Erst als die Vereinsgründung hinter uns lag und unsere Ziele, über Schulpatenschaften die Ausbildung der Kinder zu garantieren, feststanden, haben uns meine Frau und ich überlegt, dass wir als Gründer des Vereins natürlich die Pflicht haben, die erste Dawa2Schulpatenschaft zu übernehmen. Aber welches Kind sollte es denn sein? Wir haben abends die Tourfotos durchstöbert und dabei fiel uns dann dieses, mit Verlaub gesagt, schmuddelige, arme Mädchen auf. Das sollte unser erstes Patenkind werden! Mim Lal wurde gebeten, Kontakt mit den Eltern aufzunehmen und unser Angebot der schulischen Unterstützung zu erklären. Erst aus dem Gespräch zwischen Mim Lal und Dawa’s Mutter haben wir mehr über dieses Mädchen erfahren. Dawa’s Engagement und ihr Wille, dem Teufelskreis der Armut zu entfliehen, ist zum Vorbild für viele weitere Schulpatenschaften geworden und hat uns gezeigt, dass es sich lohnt, Menschen eine Chance zu geben.
Zum Zeitpunkt der Vereinsgründung wurde ich auch von Pressevertretern gefragt, wie viele Kinder wir denn unterstützen möchten. Meine damalige Aussage war „wenn wir in den ersten zwei Jahren zwischen 40 und 50 Kinder unterstützen können, wäre das ein sehr schöner Beginn“. Dass unser Ziel bereits nach einem knappen Jahr der Vereinsarbeit erreicht wurde, hat uns umso mehr gefreut.

NKH: Hattet ihr (Jürgen und Dawa) regelmäßigen Kontakt? Im Jahr 2004 liefen Korrespondenzen wahrscheinlich ausschließlich per Briefpost. Oder hast du Dawa treffen können, als du ab und an in Nepal warst?

Dawa5JÜRGEN RICHTERICH: Neben den üblichen Kontakten – Briefe, Bilder, Chats – über das Jahr verteilt, haben wir Dawa natürlich während unserer Reisen immer persönlich begrüßen können und haben so viel Zeit wie möglich mit ihr verbracht. Das mögen schon komische oder fremd anmutende Bilder gewesen sein, wenn wir, als Europäer, Hand in Hand mit einem nepalischen Mädchen durch die Märkte Katmandus geschlendert sind oder mit ihr Ausflüge in die nähere Umgebung gemacht haben. Als Halbwaise lebt Dawa in unserem Mandala Children Home und von daher hatten wir immer viele Gelegenheiten,Dawa4 an ihrem Leben teilzunehmen. Ich kann jedem Schulpaten nur empfehlen, selbst auch einmal nach Nepal zu reisen und die Lebensbedingungen der Patenkinder kennenzulernen.

NKH: War Dawa das einzige Patenkind für deine Familie? Werdet ihr weiterhin (lose) in Kontakt bleiben?

JÜRGEN RICHTERICH: Nein, bei Dawa als Patenkind ist es nicht geblieben, auch Ayush wurde von uns als Patenkind angenommen. Wir freuen uns natürlich, wenn wir den weiteren Lebensweg der Kinder verfolgen können und die Früchte der Vereinsarbeit deutlich werden. Wenn diese Kinder selbständig werden und ihr eigenes Leben gestalten und ihren Kindern wiederum einen besseren Start ins Leben geben können, als sie selbst es mit der Hilfe und den Mitteln ihrer Eltern konnten, dann hat sich die Mühe aller gelohnt, die für die Nepal Kinderhilfe e. V. tätig waren oder tätig sind.

NKH: Vielen lieben Dank für dieses ausführliche Interview und euren großartigen Einsatz.

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